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Mehr als den Koran braucht niemand



Medresse (arab.), Bezeichnung für die Hochschulen der mohammedanischen Welt, in welchen Theologie, Jurisprudenz, arabische Grammatik und ethische Wissenschaften vorgetragen werden. Jetzt ausschließlich der Sitz humaner, zumeist auf den Koran und die Religion Bezug habender Gelehrsamkeit, waren die Medressen ehedem auch Lehranstalten für abstrakte Wissenschaften, namentlich Medizin, Astronomie und Mathematik. Dies war besonders im Mittelalter der Fall, wo der Glanz dieser mohammedanischen Hochschulen das damals in Unwissenheit gehüllte Abendland weit überstrahlte...

Meyers Konversationslexikon 1889

Ismail ist ein angesehener Geschäftsmann in einer Grosstadt Europas, in der rund 100.000 Arabisch-Stämmige leben. Ismail ist Ende dreissig und Mitglied einer grossen Familie. Er spricht die Sprache des Gastlandes fliessend, ist voll integriert und besitzt wahrscheinlich schon lange zwei Reisepässe. Ismail ist höflich, gewandt und freundlich. Irgendwie sympathisch. In Gegensatz zu seinen jűngeren Brűdern trägt Ismail den klassischen arabischen Bart, der ihm ein distinguiertes Aussehen verleiht.

Ihn zeichnet eine kleine Eigenart aus: Ismail hat die Koranschule besucht. Es gibt im wesentlichen zwei Grűnde fűr Jugendliche, Koranschűler zu werden: Frömmigkeit der Familie oder Armut. Man fragt besser nicht nach dem Grund.

Ismail ist Sunnit. Er lehnt den Glauben der Schiiten scharf ab, hält sie fűr vom Glauben Abgefallene, fűr gefährlich, weil verwirrt. Er betrachtet sie als Feinde der Sunniten, deren Absicht es sei, die Umma, die Gemeinschaft der sunnitischen Gläubigen, zu zerstören.

Ismail hat űberhaupt klare Ansichten. Kristallklar und kompromisslos. Seine Welt ist monokausal erklärbar: alle Weisheit, alles Wissen entstammt dem Koran und den späteren Schriften, den Hadith. Da der Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed im Verlauf vieler Jahre den Koran Sure fűr Sure diktiert hat, ist der Koran Gottes Wort (Gott sprach arabisch).

Alles Wissen des Westens ist hingegen Menschenwerk und kann nicht gegen den Koran bestehen. Der Koran beschreibt nicht nur den Islam und seine Herkunft: er enthält auch alle Regeln, die fűr das tagtägliche Leben notwendig sind. Mehr als den Koran braucht niemand.

"Gott hat den Propheten geleitet. Nur durch Gottes Leitung ist erklärbar, dass der kleinen Schar der Getreuen Mohammeds das Wunder gelang, binnen kurzer Zeit von Mekka aus ein Weltreich zu erobern und zu bekehren", meint Ismail.

"Die Araber brachten den Europäern das Wissen und die Kultur. Leider haben sie später mit dem daraus resultierenden Aufstieg der Europäer nicht Schritt gehalten und sind zurűckgefallen in den jetzigen Zustand der Machtlosigkeit und Zerstrittenheit, beherrscht von korrupten und diktatorischen Regimen".

Aber Ismail weiss, wie man aus diesem leidvollen Zustand herauskommen kann: „Wir sind zurűckgefallen, weil wir unseren Glauben nicht mehr ernst meinten. Die Koran sagt, man soll nicht lűgen. Und wir haben gelogen. Er sagt, man soll nicht stehlen, aber wir haben gestohlen, und so weiter. Der Prophet sagte: wenn Ihr Euren Glauben nicht ernst meint, werden Andere Macht űber Euch gewinnen. Aber wenn Ihr zum Glauben zurűckkehrt und ihn streng befolgt, dann wird Gott Euch helfen und Euch erheben.

Fűr ihr Teil haben Ismail und seine Brűder beschlossen, durch ein frommes Leben die Gnade Gottes herbeizufűhren. Dass dieses Verfahren funktionieren wird, davon sind sie űberzeugt, denn sie haben dank der Koranschule alle Voraussetzungen dafűr erfűllt. Sie kennen den Koran auf weiten Strecken auswendig und wissen beispielsweise, wo er die Erkenntnisse und Geschicke der modernen Welt prophezeit hat, vor anderthalb Jahrtausenden. Dass Nostradamus ähnliches unternahm, ist ihnen vermutlich nicht bekannt.

Sie sind so sympathisch, diese jungen Fundamentalisten. Sie sprechen mit Ehrlichkeit und Űberzeugungskraft. Man möchte ihnen Glűck und Erfolg wűnschen, wenn da nicht ein paar Haken wären. Einer heisst Osama Bin Laden, auf den sie nichts kommen lassen, obwohl sie gegen Gewalt und Krieg sind. Dass der 11. September nicht sein Werk, sondern nur das höherer Mächte sein konnte, versteht sich von selbst. Dass er selbst einmal die Urheberschaft eingestanden hat, wird nicht zur Kenntnis genommen.

Wie űberhaupt vieles nicht zur Kenntnis genommen wird, das den göttlichen Wahrheiten zuwiderläuft. Jeder Versuch zu einer Diskussion scheitert an zwei Dingen: einer prinzipiellen Verachtung westlicher Wissenschaft einerseits, und schlichter Unkenntnis andererseits.

Die Koranschule lehrt wie jede religiöse Institution eben nur sehr wenig von der wirklichen Welt. Das Gespräch kommt beispielsweise auf die Tűrkei — immerhin ein grosses Nachbarland. Atatűrk habe die Tűrkei ruiniert, heisst es da. Er sei Jude gewesen, wird behauptet. Er habe den Tűrken ihren Glauben verboten, ihnen ihre Schrift genommen, sie zwangsweise europäisiert. Aber das werde sich ändern. Die Tűrkei werde zum Glauben zurűckfinden und die Reformen Atatűrks rűckgängig machen.

Gefragt, ob sie die Rolle Atatűrks als Grűnder der modernen Tűrkei kennen, műssen sie passen. Sie wissen nichts von der griechischen Invasion, vom Beschluss der im I. Weltkrieg siegreichen Entente, die Tűrkei aufzuteilen. Sie wissen auch nichts von Ismet Pascha und der Schlacht von Inönű. Noch weniger wissen sie vom anderen Nachbarland Iran, vom Feldwebel Reza, der Atatűrk kopierte und sich zum Schah nach zaristischem Muster aufschwang. Die beiden Könige Feisal des Irak vermuten sie in Saudi-Arabien, wo es auch einen Feisal gab.

Elementare Kenntnisse ihres eigenen Nahen Ostens fehlen, vom Rest der Welt vermutlich ganz zu schweigen. Dabei sind diese jungen Menschen wach, intelligent, engagiert. Aber was nicht in die wahre Lehre passt, wird ausgeblendet oder garnicht wahrgenommen.

Könnte man ihnen helfen, etwas mehr űber die Welt zu erfahren? Schwerlich. Diskussionen tendieren, im Sande zu verlaufen und an den beiderseitigen Vorurteilen zu scheitern. Den jungen Männern Gedrucktes zu reichen ist wenig aussichtsreich: falls es mit den Kenntnissen aus der Koranschule kollidiert, werden sie es garnicht erst lesen.

Ist es also unmöglich, ihren Panzer zu durchbrechen? Nicht unbedingt. Beste Chancen hätte wohl ein informatives Fernsehprogramm in nahöstlichen Sprachen, das Dokumentationen zu so elementaren Fragen wie dem Ursprung der modernen Tűrkei mit reichlich Soaps und Unterhaltung kombiniert. Eine Art Volkshochschulprogramm fűr Koranschul-Absolventen und ihre Familien, am besten in Katar angesiedelt. Ein kostspieliges Projekt.

Dass die Geistlichkeit dagegen Sturm laufen wűrde, darf erwartet werden.

—— Benedikt Brenner